Definition
Die ORTF-Technik ist eine Stereoaufnahmetechnik, die in den 1960er-Jahren vom französischen Rundfunk (Office de Radiodiffusion Télévision Française) entwickelt wurde. Sie kombiniert Elemente der XY-Technik und der AB-Technik: Das Stereobild entsteht durch eine Mischung aus Pegel- und Laufzeitunterschieden. Dadurch klingt ORTF natürlicher und räumlicher als reines XY, bleibt aber monokompatibler als AB.
Aufbau
Zwei identische Mikrofone mit Nierencharakteristik werden in einem Winkel von 110 Grad zueinander aufgestellt. Der Abstand zwischen den Kapseln beträgt 17 cm – das entspricht ungefähr dem Abstand zwischen den menschlichen Ohren. Genau diese Kombination aus Winkel und Abstand erzeugt ein Stereobild, das unserer natürlichen Hörwahrnehmung besonders nahe kommt. Die Mikrofone zeigen dabei leicht nach außen, sodass jede Kapsel eine Seite des Klangfeldes bevorzugt aufnimmt.
Vorteile
ORTF liefert ein breites, natürliches Stereobild mit guter Ortungsschärfe. Im Vergleich zu XY fängt die Technik deutlich mehr Raumklang ein, da die Kapseln nicht koinzident sind und zusätzlich Laufzeitinformationen nutzen. Gleichzeitig bleibt die Monokompatibilität besser als bei AB, weil der Kapselabstand mit 17 cm relativ gering ist und die Nieren den seitlichen Schall natürlich dämpfen. ORTF trifft damit einen praxistauglichen Kompromiss zwischen Raumgefühl und Phasenstabilität.
Einschränkungen
Die Stereobreite ist bei ORTF weniger flexibel als bei AB, da Winkel und Abstand fest definiert sind. Wer nachträglich mehr oder weniger Breite möchte, muss auf M/S-Processing oder einen anderen Aufbau ausweichen. Zudem setzt die Technik Nierenmikrofone voraus – mit Kugeln oder Achtern funktioniert der ORTF-Standard nicht.
Typische Einsatzbereiche
ORTF ist ein Allrounder unter den Stereotechniken. Im Rundfunk wurde sie für Musik- und Hörspielproduktionen entwickelt und ist dort nach wie vor verbreitet. In der Musikproduktion eignet sie sich für Orchester, Chor, Kammermusik, akustische Gitarre und Klavier. Bei Film- und Videoproduktionen kommt ORTF häufig für Atmosphären und Ambience zum Einsatz. Auch als Drum-Overhead liefert die Technik ein ausgewogenes Ergebnis mit gutem Verhältnis zwischen Direktsignal und Raumanteil.
Praxistipps
Verwende zwei identische Kleinmembran-Kondensatormikrofone mit Nierencharakteristik – bewährte Modelle sind das Neumann KM 184, das Schoeps MK 4 oder das Rode NT5. Es gibt spezielle ORTF-Schienen (z. B. von Rycote oder K&M), die den korrekten Winkel und Abstand vorgeben und das Setup vereinfachen. Achte darauf, den Aufnahmeraum bewusst zu wählen: ORTF erfasst den Raumklang deutlich stärker als XY. Ein schlecht klingender Raum wird im Ergebnis gnadenlos hörbar.