Was sind Richtcharakteristiken?
Die Richtcharakteristik eines Mikrofons beschreibt, aus welchen Richtungen es Schall aufnimmt und aus welchen nicht. Sie ist einer der wichtigsten Faktoren bei der Mikrofonwahl, denn sie bestimmt, wie viel Raumklang, Hintergrundgeräusche und Übersprechen benachbarter Quellen in die Aufnahme gelangen. Die gängigen Richtcharakteristiken lassen sich in drei Grundformen einteilen: Kugel, Niere und Achter. Daraus leiten sich weitere Varianten ab.
Kugelcharakteristik (Omni)
Ein Mikrofon mit Kugelcharakteristik nimmt Schall aus allen Richtungen gleichermaßen auf. Es gibt keine bevorzugte Seite und keine Unterdrückung. Kugelmikrofone klingen oft besonders natürlich und offen, da sie den Raum vollständig einfangen. Sie zeigen keinen Nahbesprechungseffekt – die Bassbetonung bei geringem Abstand entfällt. Typische Vertreter sind das DPA 4006 oder das Neumann KM 183. Die Kugelcharakteristik eignet sich für Raumaufnahmen, Chor, Orchester und als Messmikrofon. Auf der Bühne ist sie wegen der fehlenden Richtwirkung und der Rückkopplungsanfälligkeit weniger geeignet.
Nierencharakteristik (Cardioid)
Die Niere ist die am häufigsten verwendete Richtcharakteristik. Sie nimmt Schall überwiegend von vorne auf und unterdrückt rückwärtigen Schall um etwa 20–25 dB. Das macht sie ideal für Situationen, in denen eine einzelne Quelle isoliert werden soll – ob Gesang, Sprache oder Einzelinstrumente. Nierenmikrofone zeigen einen moderaten Nahbesprechungseffekt: Bei geringem Abstand werden die Bässe betont. Klassiker mit Nierencharakteristik sind das Shure SM58 (dynamisch), das Neumann U 87 (Großmembran-Kondensator) oder das Neumann KM 184 (Kleinmembran-Kondensator).
Superniere und Hyperniere
Superniere und Hyperniere sind engere Varianten der Niere mit stärkerer Richtwirkung nach vorne. Der Unterschied: Beide nehmen etwas Schall von hinten auf – die Superniere weniger, die Hyperniere etwas mehr. Dafür unterdrücken sie seitlichen Schall stärker als die Niere. Das macht sie zur guten Wahl in lauten Umgebungen oder bei eng stehenden Schallquellen, etwa bei der Schlagzeugabnahme. Der Nahbesprechungseffekt ist bei beiden stärker als bei der Niere. Wichtig: Die rückwärtige Empfindlichkeit bedeutet, dass Monitorboxen nicht direkt hinter dem Mikrofon stehen sollten.
Achtercharakteristik (Figure-of-Eight)
Die Achter nimmt Schall gleichmäßig von vorne und hinten auf, während die Seiten stark unterdrückt werden. Sie hat den ausgeprägtesten Nahbesprechungseffekt aller Richtcharakteristiken. Bändchenmikrofone besitzen konstruktionsbedingt fast immer eine Achtercharakteristik. Die Achter ist unverzichtbar für die M/S-Stereoaufnahme (als Side-Mikrofon) und eignet sich für die gleichzeitige Aufnahme zweier gegenüberstehender Quellen, etwa bei einem Interview oder Duett.
Umschaltbare Richtcharakteristiken
Einige Großmembran-Kondensatormikrofone bieten umschaltbare Richtcharakteristiken – typischerweise Kugel, Niere und Achter, teilweise auch Zwischenstufen. Mikrofone wie das AKG C414, das Neumann U 87 oder das Audio-Technica AT4050 sind dadurch extrem vielseitig. Bei Kleinmembranern wie dem Schoeps CMC-System lassen sich die Kapseln physisch tauschen, um die Charakteristik zu ändern.
Welche Richtcharakteristik wählen?
Die richtige Wahl hängt von der Aufnahmesituation ab. Frag dich: Wie viel Raumklang soll in die Aufnahme? Gibt es störende Nebenquellen? Muss das Mikrofon rückkopplungsfest sein? Für Live-Bühne und Podcast ist die Niere meist die sicherste Wahl. Für Raumaufnahmen und Klassik eignet sich die Kugel. Für Stereoaufnahmen in M/S-Technik brauchst du eine Achter. Und wenn du flexibel bleiben willst, greifst du zu einem Mikrofon mit umschaltbarer Charakteristik.