Definition
Latenz (englisch: Latency) ist die Zeitverzögerung zwischen einem eingehenden Signal und dessen Wiedergabe oder Verarbeitung. In der Musikproduktion bezieht sich der Begriff vor allem auf die Verzögerung zwischen dem Moment, in dem du in ein Mikrofon singst oder eine Taste drückst, und dem Moment, in dem du das Signal über die Kopfhörer oder Monitore hörst. Latenz wird in Millisekunden (ms) gemessen. Werte unter 10 ms gelten als nicht wahrnehmbar, ab etwa 15–20 ms wird die Verzögerung hörbar und störend.
Wo Latenz entsteht
Latenz entsteht an mehreren Punkten der Signalkette. Die A/D- und D/A-Wandlung im Audio-Interface benötigt Zeit – typisch sind 1–2 ms pro Wandlung. Der Audio-Buffer in der DAW sammelt Samples, bevor sie verarbeitet werden – je größer der Buffer, desto höher die Latenz, aber desto stabiler die Wiedergabe. Plugins mit Lookahead (z. B. Limiter, Linear-Phase-EQs) fügen zusätzliche Latenz hinzu. Und bei Netzwerk-basiertem Audio (Dante, AVB) kommt Übertragungslatenz hinzu.
Buffer Size und Latenz
Die Buffer Size ist der wichtigste Hebel für die Latenz in der DAW. Sie wird in Samples angegeben – gängige Werte sind 32, 64, 128, 256, 512 und 1024. Die Latenz berechnet sich aus Buffer Size geteilt durch Samplerate: Bei 128 Samples und 44,1 kHz ergibt sich eine Latenz von ca. 2,9 ms pro Richtung – also rund 6 ms Round-Trip (Eingang + Ausgang). Bei 512 Samples sind es bereits ca. 23 ms Round-Trip – deutlich hörbar beim Monitoring.
Latenz beim Recording vs. Mixing
Beim Recording ist niedrige Latenz essenziell: Wenn du beim Einsingen eine hörbare Verzögerung in den Kopfhörern hast, wird das Timing unsicher und das Aufnehmen frustrierend. Hier sollte die Buffer Size so niedrig wie möglich stehen – 64 oder 128 Samples. Beim Mixing spielt Latenz keine Rolle für das Hörerlebnis, weil du nicht in Echtzeit aufnimmst. Hier kannst du die Buffer Size auf 512 oder 1024 erhöhen, um der CPU mehr Spielraum für Plugins zu geben.
Latenz kompensieren
Moderne DAWs bieten automatische Latenzkompensation (PDC – Plugin Delay Compensation): Sie ermitteln die Latenz jedes Plugins und verzögern alle anderen Spuren entsprechend, sodass alles synchron bleibt. Das funktioniert beim Mixing zuverlässig, beim Recording mit aktiviertem Software-Monitoring kann es aber zu Problemen führen. Viele Audio-Interfaces bieten deshalb Direct Monitoring – das Eingangssignal wird direkt am Interface auf den Kopfhörerausgang geroutet, ohne den Umweg über die DAW. So hörst du dich latenzfrei, während die DAW gleichzeitig aufnimmt.
Praxistipps
Nutze beim Recording Direct Monitoring an deinem Interface, wenn die DAW-Latenz zu hoch ist. Unter Windows ist ein ASIO-Treiber Pflicht für niedrige Latenzen – der generische Windows-Audiotreiber ist dafür ungeeignet. Stelle die Buffer Size vor der Aufnahme niedrig (64–128) und vor dem Mixing höher (256–1024). Wenn einzelne Plugins hohe Latenz verursachen, kannst du sie beim Recording temporär deaktivieren. Und: Investiere in ein gutes Audio-Interface mit stabilen Treibern – das ist der effektivste Weg zu niedrigen, stabilen Latenzen.